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Die Verrückten zwischen den Pfosten

Handball: Anschreien, nicht hadern, ruhig bleiben – die Torleute haben ihre ganz eigenen Methoden.

Jörg Kleinert

Helmstedt Selbst Teamkollegen fragen sich, wie man auf die Idee kommt, sich freiwillig ins Handball-Tor zu stellen. Das Gefühl, wenn der Ball mit 100 km/h auf einen zufliegt, wenn einem der Ball nur Zentimeter am Kopf vorbei gehämmert wird. Florian Meyer kennt dieses Gefühl nur zu gut. Der 33-Jährige hütet das Tor des künftigen Verbandsligisten HG Elm. Er sagt: „Ein bisschen verrückt sein muss man schon. Aber mich reizt es, dass man mit einer Aktion ein Spiel für seine Mannschaft entscheiden kann.“

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Er schreit schon mal einen Gegenspieler an, wenn der einen Ball verworfen hat: Florian Meyer, Keeper der HG Elm. Darius Simka regios24

Doch was sind Handball-Torleute für Typen? Verrückt und einsam? Oder nervenstark und selbstbewusst? Einzelkämpfer oder Teamplayer? Wir haben einige dieser Typen befragt, deren Hauptaufgabe darin besteht, das zu verhindern, was Zuschauer am liebsten sehen wollen: Tore!

„Nein, wirklich verrückt bin ich natürlich nicht“, sagt Meyer. „Aber dafür sehr emotional.“ Er lasse seinen Emotionen während des Spiels freien Lauf. „Ich schreie schon mal einen Gegenspieler an, wenn er einen Ball verworfen hat. Das merkt der sich – und verwirft meist auch den nächsten Ball.“ Verrückt seien in einer Handballmannschaft andere Spieler, „zum Beispiel die Kreisläufer“, sagt Meyer. „Was diese Jungs sechs Meter vor dem Tor auf engstem Raum alles einstecken müssen – unglaublich! Auf dieser Position wollte ich nicht spielen. Ich habe lieber sechs Meter Platz vor meinem Tor.“

Welcher Mannschaftssportler kennt es nicht: Die Position des Torhüters ist oft unbeliebt. Früher galt: Zwischen den Pfosten landete, wer im Feld im Umgang mit dem Ball Probleme hatte, wer zu dick oder faul war oder zu wenig Puste hatte. Bei Christian Rüger, Torhüter des Verbandsligisten HSV Warberg/Lelm und Bruder von Florian Meyer, war das anders. Der 36-Jährige erinnert sich: „Ich war früher immer der Kleinste. Und wenn im Training bei den Abschlussspielen einer ins Tor musste, dann ging ich halt in die Kiste.“ Fast 30 Jahre ist das nun her. Rüger, der das Handball-Abc beim TC Schöningen lernte, hat in dieser Zeit zwischen den Pfosten viel erlebt.

Erst Held, dann Depp – dafür reichen wenige Sekunden oder ein Augenblick. Nämlich dann, wenn dem Torhüter ein Kullerball durch die „Hosenträger“ rutscht. „Ich habe das schon zigmal durchgemacht“, sagt Christian Rüger. Doch es geht auch anders herum. „Es gibt kein geileres Gefühl für einen Torhüter, als in letzter Minute den entscheidenden Ball zu halten.“ Damit das gelingt, sei mentale Stärke notwendig. „Als junger Torhüter habe ich versucht, jeden Ball zu halten. Heute weiß ich: Entscheidend ist, den wichtigsten Ball zu halten.“ Es bringe einem Torhüter nichts, wegen eines Flatter- oder Kullerballs zu hadern, der vom Oberschenkel an den Innenpfosten und von dort hinter die Linie tropft. „Wer lange hadert, der kassiert in der Zwischenzeit drei weitere Gegentore“, sagt Rüger.

Aber wie ist das eigentlich, wenn man nicht so richtig mitspielen darf, wenn einem die Hutschnur platzt, weil die Vorderleute den dritten Angriff in Folge ohne eigenen Torerfolg beendet haben? „Ich finde, wir Torhüter haben viel Einfluss aufs Spiel“, sagt Christian Rüger. „Wir können das Tempo bestimmen, wir können mit einer Parade auch unsere Vorderleute motivieren.“

Sein Bruder sieht das ähnlich: „Ich habe von hinten eine viel bessere Sichtweise auf das Spiel“, sagt Florian Meyer: „Wir Torhüter können sehr gut das Stellungsspiel unserer Abwehr korrigieren.“
Nils Winning ist da ein ganz anderer Torhüter-Typ: zurückhaltend, sachlich, kein Geschreie, gutes Stellungsspiel. Der fast 33-Jährige hütet wie Meyer das Tor der HG Elm. „Ich bin eher in mich gekehrt, gute Aktionen feiere ich mit mir selbst“, sagt der Schöninger. „Ältere Torleute sind auch nicht mehr so zappelig.“

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„Ältere Torleute sind auch nicht mehr so zappelig“, meint Nils Winning, Schlussmann der HG Elm. Andre Schneider regios24

Dass er vor 27 Jahren Torhüter wurde, habe mit einer „Notsituation“ in der damaligen E-Jugend seines Stammvereins TC Schöningen zu tun gehabt. „Also bin ich reingegangen.“ Und Winning blieb der Position treu.

Sein Aufgabengebiet als Torhüter ist bis heute recht überschaubar. Der Ball darf nicht ins Tor – egal, welches Körperteil dabei hilft. Und sei es der Kopf. „Ich hasse den Schützen in dem Moment für einen Kopftreffer, vor allem, wenn danach komplett das Licht ausgeht“, sagt Winning. „Oft ist das Adrenalin aber so hoch, dass man einen Kopftreffer wegstecken kann.“ Die Freude über den abgewehrten Ball toppt also den Schmerz. Und doch sagt Winning: „Wer sich ins Handballtor stellt, der muss schon einen an der Pfanne haben.“

Quelle: Braunschweiger Zeitung 02.06.2020
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